- Ausgabe: 3. Auflage
- Umfang/Format: 235 Seiten ; 20 cm
- Erscheinungsjahr: 1989
„Du hast uns dieses rätselhafte Leben gegeben, es bleibt dein, du wirst es wieder an dich nehmen
So klingt Alfred Otto Schwedes Roman von der Tagung aus. Und unter dieser Verheißung ausgeklungen ist auch das Leben des Autors: am 7. August 1987 verstarb er zweiundsiebzigjährig in Hohen Neuendorf bei Berlin. Anfang und Ende eines Menschenlebens sind somit festgeschrieben, eng umgrenzt und datumsmäßig erfaßt durch Geburt und Tod.
Doch was dazwischenliegt, ist nicht allein mit Jahreszahlen und biographischen Stationen zu markieren — es bleibt rätselhaft genug. Am 16. April 1915 in Haynsburg bei Zeitz als Sohn eines im ersten Weltkrieg gefallenen Korbmachers geboren, studierte er nach dem Abitur Theologie und Nordistik an der Universität Leipzig und legte dort 5939 das Examen ab; bereits in den letzten Studienjahren hatte er sich mehrfach in Schweden aufgehalten —sein Versuch zu emigrieren scheiterte allerdings. Mit Hingabe lernte er Sprachen: Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Spanisch — und auch Latein, Griechisch und Hebräisch blieben für ihn als Theologen keine „toten” Sprachen; fünfzehn Jahre war er Mitarbeiter eines Übersetzerbüros. Im zweiten Weltkrieg wurde er als Dolmetscher zur Wehrmacht eingezogen; bereits 1946 (nach amerikanischer Gefangenschaft) wirkte er als Gemeindepfarrer, zunächst in seinem Geburtsort, später dann für fünf Jahre in Uthleben und von 1956 bis 1961 in Brandenburg-Görden. Seitdem widmete er sich ganz der freischaffenden schriftstellerischen Tätigkeit, die für ihn keinen Bruch in der pastoralen Verantwortung gegenüber den christlichen Gemeinden bedeutete, sondern eine Weiterführung und „Überhöhung" durch das Medium des gedruckten und in Vollmacht des Amtes gemeisterten Wortes. Die letzten Lebensjahre verbrachte er gemeinsam mit seiner Frau in Hohen Neuendorf. Seit der Veröffentlichung des ersten Romans A. 0. Schwedes im Jahr 5953 („Lars Levi Laestadius —Der Lappenprophet") sind allein in der Evangelischen Verlagsanstalt fast fünfzig Bücher aus seiner Feder in Millionenauflage erschienen (darunter zahlreiche Übersetzungen); Ereignisse und Gestalten der Kirchengeschichte, ebenso biblische Stoffe,
aber auch Zeitfragen und Reiseerlebnisse bildeten vorzugsweise seine dichterischen Vorlagen. Oft wiederkehrende Themen waren Länder und Menschen, Kirchen und Christen, Gegenwart und Vergangenheit Skandinaviens. „Brückenbauer über die Ostsee" wurde er in einer dänischen Zeitung genannt. „Die Tagung" trägt stark autobiographische Züge. In keinem seiner Bücher erfahren wir hintergründig so viel über A. 0. Schwede wie in diesem Erlebnisroman. Sämtliche Personen frei erfunden? Sämtliche Handlungen auch? Rückversicherungen eines vorsichtigen Autors. Und mehr: Aussicht auf eine „wahre" Geschichte — die Ereignisse sind zeitnah, hautnah die Menschen. Erkennt man sich nicht selbst, erkennt man doch den anderen — oder wenigstens den hilflosen Helden. Und die Tagung? Einige Leser waren dabei, die übrigen sind es jetzt; sie entdecken ein Bild, das heutigentags und hierzulande entstanden ist und mit aufmerksamen Augen betrachtet sein will.
Pfarrer Rothberg, kurz vor dem Ruhestand und in aufreibenden Amtsgeschäften müde geworden, wird
von seinen wohlmeinenden Vorgesetzten zu einer ökumenischen Tagung geschickt. Soll er dort „neue
Impulse empfangen", „aufgemöbelt" werden? Rothbergs Gedanken, in denen - darf denn das sein? —eine Menge Resignation mitschwingt, schweifen in die unbesonnte Vergangenheit ab. Hat er nicht oft genug versagt — im persönlichen Bereich und, was vielleicht ärger ist, in der Gemeindearbeit? Und versagt er schließlich nicht auch an Ort und Stelle, wo er bei der Begegnung mit seinem Schattenbild (dem selbstsicheren, erfolgreichen Geistlichen) die Tagungsteilnehmer mit einem kleinen Herzinfarkt durcheinanderbringt?
Der Schriftstellerpfarrer entfaltet, drängend und behutsam zugleich, die Problematik des evangelischen Pfarrerstandes und allen kirchlichen Einsatzes. Die Gewißheit, nicht vergeblich gewirkt zu haben, vermag man sich nicht selbst zu verschaffen. Er bekennt mit Bonhoeff er: „Seelsorgerliche Autorität kann nur der Diener Jesu finden, der keine eigene Autorität sucht, der, selbst unter die Autorität des Wortes gebeugt, ein Bruder unter Brüdern ist." Mit diesem Wissen gewann der Mut zum geschriebenen Wort bei Alfred Otto Schwede immer die Oberhand.
gepflegtes Exemplar, nur kleine Lesespuren
- Verlag:
- Berlin : Evang. Verlag-Anst.
- Artikelnummer:
- B00031999
- Gewicht:
- 400 gr