DIREKTOR DR. WINTER ZEHN JAHRE AUFWÄRTS!
Die Menschen sind unzulänglich. Zu ihren größten Mängeln zählt ihr schlechtes Ge: dächtnis. Es von Zeit zu Zeit aufzufrischen, Erinnerungen wachzurufen, bereitet ihnen jedoch große Lust.
In unserem Falle ist es sogar zwingende Notwendigkeit, sich zu erinnern. Denn, wer sich berufen fühlt, selbst sein Schicksal — und sei es auch nur sein betriebliches — zubestimmen, der muß die Dinge kennen, die er beeinflussen will, der darf nicht vergessen, wie sie sich entwickelt haben. Übrigens : Das Recht auf Mitbestimmung führt die Reihe der Errungenschaften des Jahrzehnts von 1945 bis 1955 an.
Die übergroße Mehrzahl unserer Belegschaft hat die 10 Jahre, über die wir auf den folgenden Seiten berichten wollen, im Werk miterlebt. Sie war Zeuge einer geradezu stürmischen Entwicklung. Diese verdient um so mehr Beachtung, als das Jahrzehnt vorher auf dem Gebiete der Arbeitsbedingungen völlig steril, ohne jede Entwicklung war.
Die Arbeitsbedingungen von heute sind das Ergebnis enger Zusammenarbeit einmal der technischen, kaufmännischen und sozialwirtschaftlichen Leitung des Werkes und zum anderen der Werksleitung mit der Betriebsvertretung. Gemeinsam bemühte man sich Jahr um Jahr um die weitere Verbesserung der Arbeitsverhältnisse und der Gegen: Leistung des Werkes für die Arbeit der Belegschaft.
Diese Zusammenarbeit noch fruchtbarer zu gestalten und sie auszudehnen auf alle im Unternehmen Tätigen, heißt die Aufgabe, die uns an der Schwelle des zweiten Nachkriegs. jahrzehnts gestellt wird. Dabei fordert eine Voraussetzung gebieterisch Verwirklichung: Die g egens eitig e volle menschliche Anerkennung aller Mitarbeiter. Es gibt keinen schlimmeren Verstoß gegen den modernen Geist unseres Unternehmens als mangelnder gegenseitiger Respekt. Hier liegt — niemand kann, niemand darf es übersehen — noch einiges im argen.
Unsere Darstellung einer zehnjährigen, im ganzen erfreulichen Entwicklung soll nüchtern sein. Wer ihr trotzdem folgt, wird es mit wachsendem Vergnügen tun, sobald er merkt, daß er selbst die Hauptrolle in diesem Bericht spielt, daß sein persönliches Leben und Erleben nach der Kapitulation von 1945 sich in diesen Zeilen, Bildern und Zahlen spiegelt. Womit aber auch bewiesen ist, daß das Werk für uns alle wichtigsten Lebensraum darstellt. Arbeit und Lohn sind wesentliche Faktoren der I.ebensgestaltung. Aber auch Erholung, Urlaub, Gesundheit, Sicherheit des Arbeitsplatzes, Sicherung der Familie vor Not, Sicherstellung der Versorgung im Alter. Hier gilt es anzuerkennen, daß es sich das Werk nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ohnegleichen zur Aufgabe gemacht hat, auch diese Elemente des sozialen Lebens zu pflegen. Ja, für viele hat es nach diesem Zusammenbruch erst die Lebensvoraussetzungen geschaffen: Nahrung, Wohnung, Kleidung. Denn so beginnt unser 10:Jahres:Roman :
Ein unheilvoller Krieg hatte sein Ende gefunden. Fremde Truppen besetzten das Land. Die längst vergessene braunschweigisch: preußische Landesgrenze wurde Zonengrenze. Die einen sagten Demarkationslinie, die anderen Eiserner Vorhang. Hunderttausende vertriebener Menschen passierten bar aller Habe diese Grenze. Zehntausende davon blieben im Kreis Helmstedt. Zweitausend fanden Arbeit bei den Braunschweigischen Kohlen:Bergwerken. Die ortsansässige Belegschaft mußte zusammenrücken, um ihnen Notunterkunft zu schaffen. Die Wochenration an Lebensmitteln reichte nicht aus, die Menschen lebens: und arbeitsfähig zu erhalten : Je Woche 2 Pfund Brot, 125 g Fett, 100 g Fleisch, l50 g Nährmittel, 30 g Zucker und 5 Pfund Kartoffeln, das nannte sich „Zuteilung". Mühselig in langer Schlange wurde sie erstanden. Jeder mußte um zusätz: liche Ernährung für seine Familie bemüht sein. Das Geld war nichts mehr wert. Nicht die Mark zählte, nur die Marke, das Bezugsrecht auf Ware, die Ware selbst. So war das Leben auf seine primitivste Stufe zurückgekehrt, es war Nahrungssuche und Tausch . . .
Wie es weiter ging, schildern die folgenden Blätter.
Zehn Jahre danach hat die Welt ein freundlicheres Gesicht. Auch der Betrieb. Darf ich hinzufügen : Auch der Mensch im Betrieb?
Einband leicht berieben, sonst ordentlich und gut erhalten
- gebundene Ausgabe,
- Artikelnummer:
- B00072981
- Gewicht:
- 400 gr