»Sieben Jahre hatten wir Zeit, uns in neuer Gesellschaft wiederzufinden. Zwar fehlt es nicht an Vorzeigeprojekten nach Bauherrenart, doch die Bilanz aller tatsächlichen und fehlenden Bemühungen sieht dennoch dürftig aus: Zum Standort verkümmert zeigt sich Deutschland der Welt, zudem von einer Hauptstadt beschwert, die von der amtierenden Regierung und ihren Beamten allenfalls bei Zahlung von Gefahrenzulage bezogen wird. Ernüchtert, einander fremd und allzu bekannt, mehr oder weniger belemmert, aber auch fröstelnd, weil ohne sozialen Konsens stehen wir da.«
Fünf Jahre nach seiner Münchener »Rede vom Verlust« zieht Günter Grass in Dresden erneut eine Bilanz des deutschen Zustands. Im vereinten Deutschland nistet sich soziale Kälte als Dauerfrost ein.
Ein kleiner Trost bleibt allerdings: Zeiten wie diese sind gut für die Literatur. Und so entwirft Grass spielerisch zwei Einakter: »Der vereinsamte Kapitalist«, der inmitten seines Lamentierens dem Kommunismus als Stimulanz nachtrauert, und »Der prominente Steuerhinterzieher«. Diese beispielhaften Akteure im derzeitigen Verfallsdrama begreifen sich allenfalls als Opfer ihrer eigenen Machenschaften. Ob es bei solchem Standorttheater nach volkstümlicher Dramaturgie bleibt, wird an den Bürgern in Ost und West liegen.
Grass, Günter
ordentliches Exemplar, Einband und Buchblock mit kleinen Lesespuren
- Verlag:
- Göttingen : Steidl
- Taschenbuch
- Artikelnummer:
- B00043426
- Gewicht:
- 400 gr
- Lagerplatz:
- E27