- Ausgabe: Nachdr. d. Ausg. M?nchen, Langen, 1909 - 1912
- Umfang/Format: 24 cm
- Einbandart und Originalverkaufspreis: kartoniert : DM 188.00 3-88220-344-7 kartoniert : DM 188.00
- Sachgebiet: Sozialgeschichte ; 46 Bildende Kunst
Vorwort
Das jeweilige sittliche Gebaren und die jeweiligen sittlichen Anschauungen und Satzungen die die geschlechtlichen Betätigungsformen der Menschen innerhalb einer bestimmten Epoche regeln oder sanktionieren, sind die bedeutsamsten und bezeichnendsten Erscheinungen dieser Entwicklungs, epoche. Die Wesensart jeder Zeit, jedes Volks und jeder einzelnen Klasse offenbart sich gerade darin am ausgesprochensten. Denn das Geschlechtsleben zeigt uns in seinen tausenderlei Aus= strahlungen nicht nur ein wichtiges Gesetz, sondern das Gesetz des Lebens überhaupt; die Ur, Funktion des Lebens ist in dem sittlichen Gebaren, den sittlichen Anschauungen und den sittlichen Satzungen einer Zeit Form geworden. Es gibt keine einzige Form und keinen einzigen Bestandteil der Lebensbetätigung, die nicht durch die geschlechtliche Basis des Lebens ihren bestimmenden, zum mindesten einen charakterisierenden Einschlag bekommen hätten; das gesamte öffentliche und private Leben der Völker ist von geschlechtlichen Interessen und Tendenzen durchtränkt und gesättigt. Es ist das ewige und unerschöpfliche Problem und Programm, das keinen Tag von der Tagesordnung weder des einzelnen noch der Gesamtheit kommt.
Aber jede Zeit — und das ist das Entscheidende — hat dieses Geschehen anders geformt und seine Satzungen stets von neuem revidiert und korrigiert. Tausendfach und immer neu sind die Abstufungen innerhalb der Grenzen, in denen es sich bewegt: von der einen, wo es als kaum begriffene Naturkraft nicht viel mehr als ein bloßes animalisches Erfüllen war, zu deren Gegenpol, wo es sich zum köstlichsten Geheimnis des Daseins und zum Endpunkt alles Schöpferischen erhob, und wiederum zu jener Grenze, wo es der Stoff zu einer einzigen fortgesetzten Zote war und jedes Wort und alles Tun im Dienste eines orgienhaften Austobens der Sinne stand.
, Auf Grund von alledem ist die Geschichte des sinnlichen Gebarens in den verschiedenen
Entwicklungsstadien der Kultur nichts Geringeres als einer der Hauptbestandteile der gesamten Menschheitsgeschichte. In bestimmt umgrenzte Begriffe gefaßt, heißt das: Die Geschichte der geschlechtlichen Sittlichkeit umfaßt die wichtigsten Gebiete des gesellschaftlichen Seins der Menschen, also die Gesamtgeschichte der legitimen und der illegitimen Liebe (Ehe, eheliche Treue, Keusch, heit, Ehebruch, Prostitution), der unerschöpflichen Arten des gegenseitigen Werbens im Dienste und Interesse der Geschlechtsbetätigung, der Sitten und Gebräuche, zu denen sich dieses verdichtet hat, der Begriffe über Schönheit, Freude und Genuß, der Ausdrucksformen im Geistigen (Sprache, Philosophie, Anschauung, Recht usw.) und nicht zuletzt der ideologischen Verklärungen durch alle Künste, zu denen der Geschlechtstrieb immer von neuem hinführt.
Weil die Geschichte des sinnlichen Gebarens der Hauptbestandteil der gesamten Menschheits, geschichte ist, darum ist auch der Reichtum an Dokumenten, die in jedem Lande von ihm künden, nicht nur unerschöpflich, sondern es sammelt sich in ihnen auch das Größte und Bedeutsamste, das Raffinierteste und Ungeheuerlichste, aber auch das Blödeste und Trivialste, was der Menschen, geist ausgesonnen und geschaffen hat. Die Resultate seines kühnSten Denkens, seiner göttlichsten Inspirationen und seiner peinlichsten Verirrungen vereinigen sich hier.
Aber von so fundamentaler Wichtigkeit eine Sittengeschichte, die sich speziell mit der geschlechtlichen Moral befaßt, für den nach historischer Erkenntnis der Vergangenheit ringenden Geist auch ist, und so reich die Quellen hier jedem Forschenden sprudeln, so ist die Entwicklungs: geschichte der geschlechtlichen Moral in der modernen Geschichtswissenschaft doch ein überaus vernachlässigtes Gebiet. Wir besitzen in der deutschen Literatur beachtenswerte Arbeiten auf diesem Gebiete höchstens über das alte Rom. Dagegen existiert bis heute keine Sittengeschichte der Zeit seit dem ausgehenden Mittelalter, in der die verschiedenen Wandlungen in den Anschauungen und Forderungen der geschlechtlichen Moral innerhalb dieser Geschichtsperiode historisch dargestellt und begründet wären? Wir haben eine Reihe Materialsammlungen und einige kleinere summarische Monographien über einzelne, enger begrenzte Fragen, Länder oder Zeitabschnitte. Das ist alles. Aber selbst dieses Wenige ist ganz unzulänglich, denn es befindet sich darunter kaum eine einzige Arbeit, die auf modernen wissenschaftlichen Gesichtspunkten aufgebaut wäre.
Fuchs, Eduard (Verfasser) 3 Bände
gutes Exemplar, altersgemäß gebräunt, etwas stockfleckig, Gesamtzustand gut
- Verlag:
- Berlin : Guhl
- die bände wiegen über 2 kilo und können NUR per paket versendet werden(innerhalb Deutschland 6.90¤)
- Artikelnummer:
- B00069843
- Gewicht:
- 2900 gr