Die Zeit der Abfassung des „Julius Cäsar" wird um das Jahr 1600 zu suchen sein. Äußere Gründe für diese Datierung sind kaum vorhanden. Quartausgaben, die oft einen ungefähren Anhalt geben können, fehlen gänzlich; die erste Ausgabe, die übrigens einen bemerkenswert fehlerfreien Text aufweist, erschien erst in der Folio von 1623. Vielleicht bezieht sich eine Äußerung in John Weevers Mirror of Martyrs (1601), die poetisch von den Reden des Brutus und Antonius spricht, auf Shakespeares Stück; der Bericht des Baseler Arztes Thomas Platter unter dem 2r. September 1599 seines Tagebuches kann sich ebensogut auf eines der zahlreichen andern Cäsardramen beziehen. In die Zeit um 1600 weisen vor allem innere Gründe: die ausgezeichnete Charakterisierungskunst, die Metrik, die zwischen der früheren Regelmäßigkeit und der späteren Regellosigkeit schwankt, und nicht zuletzt die Anwendung einer scharfgeschliffenen Prosa, die an die Nähe des Hamlet gemahnt. Zum erstenmal in seinen dramatischen Arbeiten, die geschichtliche Themen behandeln — der frühe „Titus Andronicus" ist kaum dazu zu rechnen —, verläßt Shakespeare hier den Boden der nationalen Historie und damit seinen alten Gewährsmann, die Chronik von Holinshed. Zum erstenmal stützt er sich auf eine antike Quelle, die von andern Dramatikern schon oft ausgebeutet war, auf Plutarchs Lebensbeschreibungen großer Männer. Wenn-man Ähnlichkeiten zwischen dem Cäsar Shakespeares und dem von vorhergehenden französischen und italienischen Schriftstellern entdeckt hat, so werden diese eher auf die gemeinsame Quelle zurückzuführen sein als auf eine Benutzung der Vorgänger durch unseren Dichter. Denn dieser folgt der englischen Übersetzung des griechischen Originals, die, von Thomas North herrührend, 1579 und 1595 gedruckt wurde, genauer als er im allgemeinen der Chronik von Holinshed gefolgt ist; aber auch hier verfällt er nicht in sklavische Abhängigkeit. Er verbindet die drei Lebensbeschreibungen des Cäsar, Brutus und Antonius, die bei Plutarch getrennt sind, und faßt die ganze Handlung straffer zusammen. Der Glanz- und Höhepunkt des Stückes, die großen Reden des Brutus und Antonius auf dem Forum, ist ganz sein Eigentum. Der Unterschied der Quellen, früher der kunstlose Holinshed mit seiner breiten und schmucklosen Chronikerzählung, jetzt der gebildete Grieche mit seiner reifen Charakterisierungs- und Erzählungskunst, macht ohne weiteres auch den Unterschied in der Kunst der für Shakespeare zunächst abgetanen Historien und dieser Tragödie begreiflich. Aus ihm wird verständlich, warum der breite Aufbau, die vielen wechselnden Auftritte einem höchst disziplinierten Ganzen mit wenigen großen Szenen weichen. Aus ihm folgt die einfache, aber grandiose Linienführung in der Handlung, die beinahe an die romanischen Klassiker erinnert. Geradezu erstaunlich ist, wie der Dichter die Massen auf der Bühne zusammenballt, wie er einzelne Wortführer herausstellt und trotzdem immer den Eindruck der dumpfen Masse wachhält. Die komischen Szenen, in den Historien fast in regelmäßigem Rhythmus mit den ernsten wechselnd, treten zurück, ja sie fehlen bis auf einige Intermezzi fast gänzlich. Ihren Platz füllen eben diese Volksszenen aus, welche die bitter lächelnde Verachtung verraten, die der Monarchist der Tudorzeit der Masse entgegenbringt. Mit unerreichter Meisterschaft wird diese schwankende und. urteilslose Volksseele geschildert.
Shakespeares sämtliche Werke
gutes Exemplar, ordentlich,
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- Gutenberg Verlag Hamburg
- gebundene Ausgabe,
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